Landwirte unterwegs

Besuch bei den RUW-Bullen in Borken-Hoxfeld

Am 30.04.2014 hat die ALM 1 des BKB Borken eine Exkursion zur nahe gelegenen RUW (Rinder-Union West eG in Borken-Hoxfeld) unternommen. Dabei wurden die angehenden Landwirtinnen und Landwirte von ihren Lehrern Herrn Rennefeld und Frau Schneemann begleitet. Um 8 Uhr versammelten sich alle in einem Konferenzraum der RUW. Dort wurden sie dann vom Leiter und Tierarzt der Besamungsstation Herrn Dr. Janowitz begrüßt.

Im Anschluss daran hielt Herr Dr. Janowitz einen Vortrag über den Ablauf der Zucht, Bullenhaltung und die künstliche Besamung beim Rind.

Die künstliche Besamung hatte ihre „Geburtsstunde“ in der Nachkriegszeit vom 2. Weltkrieg (~1955). Zu dieser Zeit hielten die Bauern zwischen 1 bis 10 Kühen und die Haltung eines eigenen Bullen zu Zuchtzwecken lohnte sich nicht. Deshalb hielt oft ein Bauer im Dorf den sogenannten „Dorfbullen“, zu dem dann die anderen Bauern ihre Kühe zum decken brachten (Natursprung). Da sich so jedoch Deckinfektionen rasant ausbreiteten und die Kühe teilweise nicht tragend wurden oder aber absetzten, musste eine andere Lösung her!

Im Vortragsraum

 

Man begann damit die Vatertiere auf Krankheiten zu untersuchen! Nur wenn diese gesund waren, waren sie für eine Vermehrung via künstliche Befruchtung geeignet!

Die Bullen wurden abgesamt und das frische Sperma wurde dann den Kühen in der näheren Umgebung eingeführt. Dies musste innerhalb weniger Stunden nach dem Absamen geschehen, da frisches Sperma nur eine begrenzte „Haltbarkeit“ hat. Dieser Weg der Befruchtung war sehr gefragt!

In der Folgezeit entwickelten Forscher das sogenannte „Tiefgefrierverfahren für Bullensperma“, welches bei -196°C in flüssigem Stickstoff gelagert Jahrzehnte lang lebensfähig bleibt. Diese Methode wird heutzutage immer noch verwendet.

Hierdurch erhielt die künstliche Befruchtung einen erneuten Wachstumsanstieg, da es nun möglich war Sperma „haltbar“ zu machen und es in die ganze Welt zu transportieren. So gelang es auch, die aus Amerika stammende Rasse „Holstein Frisian“ in Deutschland zu etablieren!

Die Holstein Frisian waren die neue Generation Bullen der 60iger/70iger Jahre, welche durch ihre Leistungsstärke, ihre Größe und die bessere Milchleistung, die altdeutschen rotbunten und schwarzbunten Kühe verdrängen konnten.

Mit der Milchquote sank auch die Anzahl der künstlichen Besamungen. Seit der Jahrhundertwende ist die Anzahl der künstlichen Befruchtungen relativ konstant.

Wirft man einen Blick auf die heutige Rassenverteilung in Deutschland, so stellt man fest, dass über 50% der Besamungen mit Spermien von „Holstein-Bullen“ stattfinden. Somit liegen schwarzbunte und rotbunte Holstein auf Platz 1. Platz 2 belegt die Rasse Fleckvieh und Platz 3 das Braunvieh. Dahinter findet man Bullen anderer Rassen.

Derzeit ist die RUW im Besitz von ca. 450 Bullen, davon leben 50 in den USA und Kanada. Alle Zuchtbullen werden regelmäßig auf Gendefekte (z.B. BLAD, CVM), Infektionskrankheiten (z.B. Leukose, Tuberkolose) und Geschlechtskrankheiten untersucht. Nur gesunde und unauffällige Bullen werden für die Zuchtprogramme zugelassen. Das Ziel der Zuchtprogramme ist die Vermarktung leistungsfähiger Genetik! Haben die Landwirte kein Interesse an einem Bullen, auch wenn er noch so gut ist, ist er ungeeignet für die RUW!

Durch das in den letzten Jahren entwickelte Verfahren der „genomischen Selektion (Genomics)“ werden die Generationsintervalle in der Zucht um 4 Jahre verkürzt. Hierbei wird das Erbgut eines männlichen Kalbes bereits nach 14 Lebenstagen untersucht und mit dem Erbgut geprüfter Top-Vererber verglichen. Somit steht der „genomische Zuchtwert“ eines Bullen schon vor seiner Geschlechtsreife fest. Früher musste man jahrelang warten, bis für die Bullen genügend geprüfte Töchterinformationen vorlagen. Jedoch sollten Landwirte nicht alles auf eine Karte setzen und zur Sicherheit eine Risikostreuung durch den Einsatz mehrerer Bullen in ihrer Herde vornehmen:

 

Beispiel: Es werden 50 Portionen Sperma im Jahr für die Herde benötigt

Richtig: 5 Bullen auswählen, jeweils 10 Portionen Sperma pro Bulle (=50 Portionen)

Falsch: 1 Bulle auswählen, 50 Portionen Sperma

 

Heutzutage nimmt die Hornloszucht an Bedeutung zu. Dies liegt auch daran, dass das Enthornen von Kälbern im Laufe der nächsten Jahre gesetzlich verboten wird.

Auch nimmt das Interesse am Spermasexing zu. Landwirte haben größeren Nutzen von gesexten, d.h. geschlechtsgetrennten Sperma, da sie so auswählen können, ob sie eher ein Bullenkalb oder ein Mutterkalb haben möchten. Mutterkälber sind erwünschter, da sie für die Nachzucht der eigenen Milchviehherde gebraucht werden und ihre Geburt problemloser als bei männlichen Kälbern verläuft. Dies bedeutet weniger Stress für Tier und Mensch. Auch starten die Färsen, d. h. die Erstkalbskühe besser in die Laktation. Jedoch stehen den Vorteilen des Spermasexing erhöhte Kosten und ein um 10% geringerer Besamungserfolg gegenüber.

Im Anschluss an den sehr interessanten Vortrag wurden den Schülern einige der Zuchtbullen vorgeführt. Hierzu gingen alle in einen eigens geschaffenen Besucherraum, von wo aus man die Bullen aus einer Entfernung von etwa 1,50m bestaunen konnte – nur durch eine Plexiglasscheibe getrennt. Es ist schon beeindruckend, wie groß ein ausgewachsener Bulle (> 4 Jahre) wird.

Danach durften die Schüler einen Blick ins Labor der RUW werfen und zusehen, wie ein Bulle abgesamt wird. Ein Mitarbeiter erklärte, wie man das frische Sperma zu tiefgekühlten Spermaportionen verarbeitet. Aus einem Sprung können ca. 500 – 700 Portionen mit mindestens 20 Millionen Spermien pro ml gewonnen werden.

Nach dem Blick hinter die Kulissen hat Herr Dr. Janowitz den Schülern und Schülerinnen abschließend noch die Stallungen der RUW Besamungsstation Borken anhand von Bildern vorgestellt. Da die wertvollen Bullen unbedingt vor Krankheitsübertragungen geschützt werden müssen, dürfen natürlich keine Besucher in die Ställe.

Im Anschluss daran endete die sehr interessante und informative Exkursion!

(Sarah Möller, ALM 1)

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