Landwirte unterwegs

Besuch bei den RUW-Bullen

Besuch bei den RUW BullenDieser Besuch war quasi das Tüpfelchen auf dem i. Hatten wir uns zuvor im Unterricht intensiv mit dem Thema ´Rinderzucht` auseinandergesetzt und schon eine Menge darüber gelernt, so bekamen wir heute einen tieferen Einblick in die Zuchtpraxis.

Am Di., 07.02.2012, besuchten wir, die Landwirtschaftliche Mittelstufe ALM2, zusammen mit unserem Fachlehrer, Herrn Rennefeld, die Besamungsstation der Rinder Union West e.G. (RUW) in Borken-Hoxfeld.

Empfangen und geführt wurden wir vom Stationsleiter und Tierarzt Herrn Dr. Janowitz. In dem erst kürzlich eingerichteten Besucherraum führte er uns mit seinem Bildervortrag zunächst in die Entstehungszeit der künstlichen Besamung in Deutschland kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Die Tierbestände waren durch die Kriegswirren arg dezimiert worden und das Milchleistungsvermögen der vorhandenen Kühe war aus heutiger Sicht sehr niedrig. Zudem breiteten sich Deckseuchen schnell aus, denn i. d. R. gab es in einem Dorf nur einen Deckbullen, dem dann alle Kühe von den umliegenden Betrieben zugeführt wurden. Hier bot die künstliche Besamung mit Sperma von hoch leistungsfähigen Bullen einen willkommenen Ausweg, der sich bis heute zum Standardverfahren in der Milchviehzucht entwickelt hat. Pro Sprung eines Bullen können 1000 – 2000 Spermaportionen entstehen, die, bei minus 196°C in flüssigem Stickstoff tiefgekühlt gelagert, über Jahrzehnte befruchtungsfähig bleiben.

Aus sehr vielen örtlichen und kleinen Besamungsstationen haben sich in Deutschland bis heute durch Zusammenschlüsse einige wenige große Besamungsgenossenschaften gebildet, von denen die RUW eine der größten ist. Ihr Betreuungsgebiet umfasst neben NRW noch Rheinland-Pfalz und das Saarland. Der RUW e.G. gehören ca. 11200 Mitgliedsbetriebe an und sie verkauft im Jahr ca. 1,1 Mio. Spermaportionen, z. T. auch ins Ausland. Neben 450 Bullen auf verschiedenen Stationen in Deutschland unterhält die RUW eigene Besamungsstationen in Kanada und den USA, den Kerngebieten der Holsteinzucht.

Die Station in Borken ist mit ca. 75 Besamungsbullen nicht die größte der RUW-Stationen, aber die bedeutendste. Hier stehen alle Top-Bullen der RUW und der gesamte Im- und Export von Bullensperma und Rinderembryonen der Genossenschaft läuft über Borken. Hierzu ist ein großes Team von Tierärzten, Labor- und Besamungstechnikern sowie Stallpersonal erforderlich. Dr. Janowitz machte uns darauf aufmerksam, dass ausgebildete Landwirte und Landwirtinnen gute Berufschancen bei der RUW finden.

Höhepunkt für die an Rinderzucht interessierten war die Bullenpräsentation. Zwar durften wir aus seuchenhygienischen Gründen nicht in den Bullenstall, doch wir kamen den mächtigen Tieren doch sehr nahe. Aus einem eigens für solche Zwecke eingerichteten Zuschauerraum heraus konnten wir, nur durch eine Plexiglasscheibe getrennt, rund ein Dutzend der Spitzenbullen aus nächster Nähe bewundern. Dies war auch deshalb sehr interessant, weil in vielen unserer Ausbildungsbetriebe Töchter der vorgestellten Bullen stehen. Beeindruckend war auch, welche Größe ein ausgewachsener Bulle der Rasse „Deutsche Holsteins“ erreicht. Leider ließen sich durch die Scheibe hindurch keine klaren Fotos schießen. Mit 15 Jahren ältester, noch immer stark gefragter und auch ´berühmtester` Bulle der RUW ist Gibor. Ihm konnten wir sein hohes Alter nicht ansehen.

Nicht weniger interessant war es im RUW-Labor.

Labor

Natürlich erst, nachdem wir uns mit Schutzanzügen verkleidet hatten, denn das Labor muss keimfrei bleiben. Wieder nur durch eine Scheibe getrennt, sahen wir dem Bullen Gabriel bei seiner Arbeit, dem Absamen, zu. Zwei- bis dreimal pro Woche muss ein Deckbulle springen, je nachdem, wie gefragt sein Sperma ist. Um gut in Kondition zu bleiben wird er natürlich entsprechend gefüttert und gepflegt. Für Gabriel diente als Sprungpartner ein geduldiger Fleischrassebulle, denn Kühe sind auf einer Besamungsstation verboten. Außerdem samt der Bulle ja sowieso in eine künstliche Scheide ab.

Bei Gabriel war es ein gutes Ergebnis, nämlich fast 11 ml Spermaflüssigkeit mit Milliarden von Spermien. Nach der Vitalitätskontrolle per Mikroskop und Computer und der Verdünnung des Ejakulats durch Zusatz von Nährlösung verfolgten wir das Abfüllen in die mit allen notwendigen Daten bedruckten sogenannten Pajetten. Diese wurden dann für das Tiefgefrieren, welches äußerst schonend geschehen muss, vorbereitet. Gabriels Samen reichte für fast 2000 Portionen.

Beim Abschlussvortrag im Gruppenraum erläuterte Dr. Janowitz uns das neueste Verfahren der sogenannten „žgenomischen Zuchtwertschätzung“. Durch genotypische Untersuchung eines Blutstropfens kann man den Zuchtwert eines Bullen bereits im zarten Kalbealter ermitteln. Auch die noch nicht sehr verbreitete Methode des ´Spermasexing`, d.h. die Trennung der männlichen von den weiblichen Spermien, erklärte Dr. Janowitz. Die Wahrscheinlichkeit, hierdurch ein weibliches Kalb zu bekommen, liegt bei ca. 90%.

Im Namen der Klasse bedankte sich unser Klassensprecher Rainer bei Herrn Dr. Janowitz für die sehr interessante und erlebnisreiche Stationsführung. Selbst unseren ´Schweineprofis` hatte es gefallen.

(Florian Barenbrügge 2012-03-11)

Comments are closed.