Besuch im Textilmuseum Bocholt

„Fashion lights im Takt der Maschinen“

Textilmuseum BocholtMal sind die Röcke kurz, dann wieder knielang. Kann das Outfit heute nicht bunt genug sein, geben morgen schon wieder beige und braun den Ton an. Jede Saison bringt neue Trends in die Boutiquen. Das ist der Berufsalltag von mehr als der Hälfte der Schülerinnen und Schüler der WEM 2, einer branchengemischten, aber in der Mehrheit im Textilbereich tätigen Einzelhandelsklasse. Deshalb kam die Ankündigung der Sonderausstellung „Fashion-lights!“ im TextilWerk Bocholt gegen Ende des Schuljahres und damit kurz vor der Abschlussprüfung der Verkäuferinnen und Verkäufer zeitlich genau richtig. Die Ausstellung zeigte nämlich mit über 100 Outfits -größtenteils aus den 70er Jahren- nicht nur die Einflüsse von Zeitgeist und gesellschaftlichen Veränderungen auf die Mode, sondern gab auch Antwort auf die Frage, wie die Mode eigentlich in den Stoff kommt.

Nachdem die ehemalige Fachlehrerin und zusätzliche Begleitung Frau Limberg am Bahnhof in Borken mit großem Hallo begrüßt worden war, machte sich die WEM 2 in Begleitung von Frau Hecheltjen am 05. Juni mit dem Sprinterbus auf den Weg nach Bocholt ins Textilmuseum.

Neben vielen Outfits gab uns die Führung durch die Ausstellung auch Einblicke in die technische Seite der Branche: Entwürfe und Musterbücher sowie Maschinen aus der Sammlung des LWL-Industriemuseums machten verschiedene Produktionsstufen und Veredelungstechniken anschaulich. Die Vorstellung des Verbandes der Deutschen Modedesigner sowie zweier sehr unterschiedlicher Modeschulen – der „Privaten Modeschule Düsseldorf“ und der „Modefachsschule Sigmaringen“ – erlaubten abschließend einen ganz aktuellen Blick in die Welt der Modeschöpfer.

Anschließend an die Sonderausstellung begaben wir uns zum zweiten Standort des Textilmuseums und ließen uns sehr anschaulich die Arbeitsprozesse in einer Weberei erklären: Dampfpfeife, Stechuhr und der Lauf der Maschinen bestimmten den Arbeitsrhythmus in der Textilfabrik vor 100 Jahren. Frauen und Männer mussten pünktlich zur Arbeit erscheinen und mit der Produktion beginnen, wenn sich die schweren Transmissionsräder in Bewegung setzten. Das galt für alle gleichermaßen, ob Maschinist, Spulerin, Zettlerin oder Weber. Natürlich musste der Heizer morgens als erster beginnen. Aber auch die anderen Arbeitsplätze einer Weberei bis hin zum Fabrikanten im Kontor wurden im Rahmen einer Führung vorgestellt – und mit Hilfe der Schülerinnen und Schüler auch teilweise nachgestellt.

Sämtliche Maschinen wurden für uns eingeschaltet, um zu demonstrieren wie sie funktionieren, welche Lautstärke in einer derartigen Produktionshalle herrschte und welchen Arbeitsbedingungen die Arbeiter noch vor etwa hundert Jahren ausgesetzt waren.

Textilmuseum Bocholt

Die Klasse war sehr beeindruckt und stellenweise schockiert über das Leben der „Generation Groß- oder Urgroßeltern“. Auch die abschließende Besichtigung des original eingerichteten Arbeiterhaus vor dem Fabriktor, in der gezeigt wird, wie die Textilarbeiterfamilien gewohnt und gelebt, wo sie gegessen und sich ausgeruht haben hinterließ bleibende Eindrücke und ein wenig mehr Wertschätzung für ein Stück Stoff oder ein Kleidungsstück, denn die Arbeitsbedingungen in den Billiglohnländern, in denen heute produziert wird, damit wir hier in Deutschland möglichst preisgünstige Kleidung kaufen können, dürften in etwa dieselben sein, wie die, die die Klasse an diesem Tag im Museum kennen gelernt haben.

(HC 2012-06-19)

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