Techniker für Baudenkmalpflege und Altbauerneuerung

Kleinod wieder erfahrbar gemacht

„Was wir zerstört, was wir haben zugrunde gehen lassen, können wir uns nicht neu schaffen, auch nicht mit noch so viel Geld. Richten wir alle Kräfte auf das, was wir noch haben.“ (Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz)

Im Rahmen ihrer 10-wöchigen Projektarbeit nahmen sich drei angehende Techniker für Baudenkmalpflege und Altbauerneuerung des Berufskollegs Borken einer unscheinbaren Gartenpforte der ehemaligen Klosteranlage in Borken–Gemen an.

Das „Projekt 2005“ umfasst die Strukturierung, Planung und Realisierung eines denkmalpflegerischen Objektes. Es ist eine Gruppenarbeit über ein Kulturdenkmal und seine geschichtliche Bedeutung. Dabei wird der aktuelle Zustand erfasst sowie analysiert und ein Konzept für die Erhaltung entwickelt, welches durch notwendige praktische Maßnahmen umgesetzt wird. Demzufolge sollte das Projekt die Handlungsbereiche Bestandsaufnahme, Konzeptfindung und Maßnahme umfassen. Dieses theoretische und praktische Wissen erlernten die angehenden Techniker für Denkmalpflege und Altbauerneuerung in den letzten zwei Jahren am Berufskolleg Borken bzw. an der Akademie des Handwerks in Raesfeld.

Das Objekt

Die Gartenpforte fristet seit geraumer Zeit ein eher unscheinbares Dasein und drohte zu verfallen. Mit den Untersuchungen zur Erhaltensfähigkeit und Erhaltenswürdigkeit sowie zu den Deutungsansätzen der am Objekt vorgefundenen Ornamente erschloss sich für die drei Steinmetzen Martin Müller, Tobias Menzer und Torsten Stolle ein sehr bedeutender historischer Aspekt der Gartenpforte. Der denkmalpflegerische Wert sollte durch die Symbolik eine enorme Steigerung erfahren. Sie erzählt durch Aussehen und Ausführung etwas über den damaligen Zeitgeist. Die Andeutung göttlicher Geheimnisse wird dem Betrachter an einer Stelle offenbart, an der wir es am wenigsten vermutet und wo es doch für alle sichtbar ist. Die Symbolik war unseren Vorfahren ein wichtiges Anliegen und lässt Rückschlüsse auf deren Nutzen, Alter und Erbauer zu.

Die Symbolik

Der Symbolgehalt der Gartenpforte ist an den Kapitellen, dem Schlussstein und dem Bekrö-nungselement zu finden.

Das Kreuz ist ein generelles Attribut bei hl. Personen, die in der Nachfolge Christi standen; bei den Aposteln ebenso wie bei Gründern und Angehörigen von Mönchsorden. Es ist Sinnbild der Durchdringung zweier entgegengesetzter Bereiche – hauptsächlich von Himmel und Erde.

Nachweislich befanden sich auf dem Kreuz ehemals 12 Halbkugeln, von denen noch 10 vorhanden sind. Die 12 ist die Zahl der Vollkommenheit und Vollständigkeit. Sie ist teilbar durch drei und vier und weist u.a. auf die zwölf Stämme Israels sowie die zwölf Tore des himmlischen Jerusalems hin.

Die Halbkugel ist ein Symbol für den Thron Gottes und den Himmel. Erde und Himmel waren ursprünglich vereinigt; die Halbkugel symbolisiert somit nur die Hälfte der gesamten Welt.

Der Himmel ist Ausgangspunkt für die Wirkung Gottes und des Heiligen Geistes, Heimat der Engel sowie der Ort, an dem Christus nach der Auferstehung hingeführt wurde und wohin ihm alle Seligen folgen werden. Orte des Himmels sind das Paradies und das himmlische Jerusalem.

Diese Ausführungen stellen lediglich einen kleinen Ausschnitt der vorgefundenen Zusammenhänge dar. Sie zeigen wie wichtig den Menschen damals die Symbolik war und wie viel Aussagekraft dahinter steckte. Aber sie zeigen uns auch, wie wenig wir heute noch von dieser Ausdrucksweise verstehen. Die komplette Dokumentation mit allen Untersuchungen liegt am Berufskolleg Borken vor.

 

 

Die Maßnahme

Um die Bedeutung der Gartenpforte wieder erfahrbar zu machen entschied sich die Gruppe folgende Maßnahmen durchzuführen.

Diese umfassten eine sanfte Reinigung, die Herstellung der Standsicherheit, die konstruktive Sicherung von desolaten Bereichen der Steinoberfläche und die Antragung mit Steinersatzmörtel.

Aufgrund von Umwelteinflüssen und Pflanzenbewuchs befanden sich auf der Pforte zahlreiche Schäden, die u.a. eine Diffusionsfähigkeit des Gesteins verhinderten. Nach dem Anlegen von Teststellen wurde der größte Erfolg durch schonende manuelle Reinigung mit einer weichen Bürste und Wasser erzielt.

Die Erfahrbarkeit der Symbolkraft des Kreuzes wurde durch die Antragung der fehlenden Halbkugeln mit Steinersatzmörtel wieder hergestellt.

Die durchgeführten Arbeiten beschränkten sich aus Geld- und Zeitgründen auf die notwendigsten aller in einem umfassenden Restaurierungskonzept vorgeschlagenen Maßnahmen.

Tobias Menzer, Martin Müller, Torsten Stolle

 

Die Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker für Baudenkmalpflege und Altbauerhal-tung findet als zweijährige Vollzeitform am Berufskolleg Borken (theoretischer Teil) und an der Akademie des Handwerks in Raesfeld (praktischer Teil) statt. Aufnahmevoraussetzung ist eine abgeschlossene Berufsausbildung als Steinmetz, Maurer u.ä. sowie anschließende Berufserfahrung von mindestens einem Jahr.

(RI 2006-01-17)

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