Flüchtlingsthematik

„Offen auf die Flüchtlinge zugehen – Probleme nicht unter den Tisch kehren“

FlüchtlingeSchülerinnen und Schüler des Abitur-Bildungsgangs Gesundheit und Soziales des Berufskollegs Borken diskutierten mit Landrat Dr. Kai Zwicker

Kreis Borken. Eine Unterrichtseinheit der besonderen Art haben jetzt Elftklässlerinnen und –klässler des Abitur-Bildungsgangs Gesundheit und Soziales des Berufskollegs Borken erlebt. Eine Doppelstunde lang diskutierten sie mit Landrat Dr. Kai Zwicker über die aktuelle Flüchtlingsthematik. Aufmerksamer Zuhörer war dabei Schulleiter Josef Brinkhaus. In den Tagen vorher hatten sich die Schüler im Fach „Erziehungswissenschaften“ mit ihrer Lehrerin Gisela Lösing-Fraune intensiv mit der Entwicklung in den vergangenen Monaten und dem gegenwärtigen Geschehen, insbesondere auch mit der Stimmung in der Bevölkerung, befasst.

Zum Einstieg referierten zwei Schülerinnen über besorgniserregende Tendenzen in Deutschland. So habe sich die Zahl der fremdenfeindlichen Anschläge von 2014 auf 2015 mehr als vervierfacht. Kein Bundesland bleibe davon verschont – auch der Kreis Borken sei inzwischen betroffen, wie der Brandanschlag auf eine künftige Flüchtlingsunterkunft vor einigen Tagen in Raesfeld zeige. Die Gründe für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sehe der Sozialpsychologe Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, vor allem darin, dass der Spalt zwischen jenen, die Deutschland als Einwanderungsland sehen und denen, die nach einer einheitlichen„Volksgemeinschaft“ trachten, enorm gewachsen sei. Der Rechtspopulismus habe es leicht, denn die Religion des Islams biete ihm ein Feindbild. Indem Vorfälle verallgemeinert werden, würden latent vorhandene Vorurteile gegen Fremde vertieft und damit Ängste in der Bevölkerung geschürt. Dies müsse laut Zick sehr ernst genommen werden, wolle man erfolgreich gegensteuern. Vor allem seien Informationen und Aufklärung wichtig, zudem eine enge Zusammenarbeit aller Behörden, Institutionen und Hilfsorganisationen und insbesondere auch eine engagierte Zivilgesellschaft, die sich um die Flüchtlinge kümmere. Hier gebe es in den Städten und Gemeinden im Kreis Borken bereits vielfältige Aktivitäten von Beratungsangeboten bis zur Begleitung bei Behördenterminen, hatten die Schülerinnen ermittelt. Informationen dazu biete beispielsweise das Internetangebot des „Flüchtlingsrat Kreis Borken e. V.“.

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Landrat Dr. Zwicker war sehr angetan davon, wie intensiv sich die Elftklässler im Unterricht mit der Thematik auseinandersetzen. Gleichzeitig stellte er das vorbildliche Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger im Westmünsterland heraus. Ohne deren Unterstützung bei der Betreuung der Flüchtlinge sei es für die Ortsbehörden kaum zu schaffen, denn sie müssten sich gegenwärtig vor allem um das akute Problem der Unterbringung kümmern. Den Brandanschlag in Raesfeld verurteilte der Landrat auf das Schärfste. Nichts könne Gewalt rechtfertigen.

Wichtig ist es aus Sicht von Dr. Zwicker, dass vor Ort aufkommende Schwierigkeiten und Sorgen offen angesprochen werden. Wo Informationen fehlen, wachsen die Gerüchte und Ängste, erklärte er. Nicht selten werde dann völlig zu Unrecht verallgemeinert. Von den Flüchtlingen erwarte er auf der anderen Seite den Willen zur Integration. Es sei dabei Voraussetzung, dass sie die freiheitlichen Wertvorstellungen, die es in der Bundesrepublik gebe, akzeptieren.

Erfreut zeigte sich Dr. Zwicker darüber, wie engagiert sich eine Reihe von Schülerinnen und Schülern gemeinsam mit ihren Familien persönlich um Flüchtlinge kümmert. Auf diese Weise lerne man ihre Kultur, aber auch Sorgen und Nöte kennen und könne sich so viel besser in ihre Lage hineinversetzen. In diesem Zusammenhang wies der Landrat auf das Phänomen hin, dass viele Deutsche, die sich fremdenfeindlich äußern, selbst noch nie Kontakt zu Flüchtlingen gehabt hätten. Der Landrat begrüßte es ausdrücklich, dass die Schüler eigene Integrationsprojekte am Berufskolleg Borken initiieren wollen. Schulleiter Josef Brinkhaus sicherte dafür seine Unterstützung zu.

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