Kaufleute/Verkäufer im Industriemuseum in Ratingen

Reiz und Scham: Die Sprache der Kleider

EinzelhändlerDer erste Eindruck: Er liegt nicht an der Größe, dem Umfeld oder dem Aussehen. Den ersten Eindruck vermittelt der Mensch –ob es ihm lieb ist oder nicht- mit seiner Kleidung. Selbst heute, in einer Zeit der Individualität und Freiheit des Menschen, gelten (immer noch?) eiserne Regeln über das, „was geht“ und was „nicht geht“: z.B. nackte Schul­tern und Beine, üppige Dekolletés und kurze Röcke im Büro oder ungeputzte Schuhe und kurze Hosen hinter dem Bankschalter.

Das Industriemuseum des Landschaftsverbandes Rheinland zeigt derzeit am Standort Ratingen in der Sonderaus­stellung „Kleider und Körper seit 1850“, nach welchen Regeln sich die Gesellschaft verhüllte und heute noch verhüllt. Was durfte und darf vom Körper gezeigt werden – und was nicht? Was war und ist gerade noch akzeptabel?

Um einen Einblick in die Geschichte der Mode und Schnitte, Stoffe und Accessoires der vergangenen Jahrzehnte zu bekommen, machte sich am Dienstag, dem 23. Februar die Teilgruppe „Kaufleute/Verkäufer, Schwerpunkt Textil“ der WEM1 auf den Weg nach Ratingen.

Einzelhändler

Dort kamen wir in den Genuss einer lebendigen 90minütigen Führung, in der anhand vieler Originalausstellungsstücke, Bilder und Filmausschnitte erzählt wurde, an welchen Tugendvorstellungen, gesellschaftlichen sowie kulturellen und politischen Strömungen, aber auch wirtschaftlichen Entwicklungen sich die Kleidung seit etwa 1850 bis in die 80er/90er Jahre hinein orientierte.

Die Ausstellung zeigte anschaulich, wie sich die ungeschriebenen Gesetze der Verhüllung – ob hochgeschlossen oder rückenfrei, ob Lagen von Stoff oder luftige Durchsicht, ob schmal geschnitten oder eher kastenförmig – von einem Jahrzehnt zum nächsten rasch verschieben und mit ihnen das, was als reizvoll oder anstößig empfunden wird.

Gerade die an der einen oder anderen Stelle thematisierte Unterwäsche und teilweise dazugehörende Accessoires führ­ten sowohl zu Erstaunen und Entrüstung, als auch zur Erheiterung der Schüler. Erstaunen vor allem, weil wir mit soviel Offenherzigkeit und Reiz „damals“ gar nicht gerechnet hätten. Entrüstung, weil das Schönheitsideal der über­schlanken und perfekt „verbogenen“ Frau in viel zu eng geschnürten Korsetts über so viele Jahrzehnte deren Bewegungsfreiheit und körperliche Gesundheit viel zu lange massiv geschädigt hat, bis endlich jemandem auffiel, dass die weniger eng geschnürten Bediensteten körperlich viel gesünder waren.

Erheiterung lösten vor allem die Geschichten und Erklärungen zu den (auf)reizenden Modellen inklusive der zugehö­ren­den Accessoires aus den entsprechenden Etablissements aus. Reaktionen im Stile von „Was?? Sowas gab es damals schon??“ waren die Folge und bewirkten eine gelockerte und fröhliche Stimmung.

Anhand der ausgestellten Tageskleidung, Abend- und Gesellschaftskleider, Sport- und Strandkleidung in den ver­schie­denen Epochen stellte die Gruppe fest, dass die „alte Mode“ im Laufe der Zeit immer wieder aufgegriffen wurde, sich bis in die heutige Zeit wieder findet und auch in Zukunft wohl alle paar Jahr(zehnt)e immer mal wieder aktuell sein wird.

(LI,HC 2010-03-26)

Comments are closed.